Was sie noch am Leben hält
- 1 Nov 2026
- Klaus Huber

Am 20. Oktober, einem Dienstag, schreibt Klaus Huber das schärfste politische Gedicht dieser Reihe. Kriege, Auswege, die schmäler werden – und die Erkenntnis, dass Frieden nur dem gehört, der wachsam bleibt:
Vergeblich
Ob wir von Geschichte lernen,
steht längst nicht mehr in den Sternen.
Wir machen die gleichen Fehler.
Auswege, die werden schmäler,
wenn wir im Bedarf an Kriegen
– fatal – dem Versuch erliegen,
uns hierdurch doch noch zu retten.
Was wir zu bedenken hätten:
dass den Frieden in der Welt
letztlich nun noch der erhält,
der trotz gut gemeinter List
aus Erfahrung wachsam ist.
Zwei Tage später, mitten in der Nacht, ein Gegenbild. Draußen brausen kalte Winde. Drinnen wächst Kraft. Innehalten als Segen – Klaus Huber über den Rückzug, der kein Rückschritt ist:
Rückzug
Ist es wirklich garstig draußen,
wo die kalten Winde brausen,
zieh'n wir uns zurück nach innen,
um uns in der Stube drinnen
ganz gelassen aufzuhalten,
mag der Wind auch noch so walten.
Daraus wachsen neue Kräfte,
um danach erneut Geschäfte,
die anstehen, dann zu pflegen.
Innehalten wird zum Segen,
der uns weiter hilft, zu leben
und zu unserem Ziel zu streben.
In derselben Nacht, nach einem ZDF-Beitrag, der ihn nicht loslässt, schreibt Klaus Huber das vielleicht erschütterndste Gedicht, das er je veröffentlicht hat. Kein Trost, kein Ausweg – nur die nackte Frage: Müssen wir das noch erleben? 22 Zeilen Lebens-Panik, die in einer Warnung enden:
Abgesang?
Muss ich denn dies noch erleben,
um mir einst „den Rest zu geben",
was sich derzeit in dem Leben
für mich – ganz fatal – ergeben?
Müssen wir nicht deutlich spüren,
wie wir Leben ruinieren
und die Schöpfung selbst zerstören?
Mögen Stimmen uns betören,
dass einst doch noch hier auf Erden
alles mag einst besser werden?
Unglaube, es wird sich wenden,
weckt den Wunsch, doch bald zu enden,
was vermehrt mich schlaflos macht,
Lebens-Panik mir entfacht.
Wohl steht einst in Memoiren,
dass man viel zu spät erfahren,
was das Leben so erschwert.
Was uns die Geschichte lehrt:
Wer nicht wissen will, was ist,
der verpasst die letzte Frist,
noch zu ändern in der Welt,
was sie noch am Leben hält.
Fünf Tage später, am 27. Oktober, ein ganz anderer Ton. Altersweisheit nicht als Last, sondern als Gabe. Der Großvater, der Klüfte überwindet, der das klare Wort wagt, für das die Jüngeren ihm danken werden:
Alters-Weisheit
Mancher Großvater ist wichtig,
Alterserscheinung ist nun nichtig,
gilt es, rechtzeitig zu wagen,
manches klare Wort zu sagen,
das Parteien neu verbindet
und die Klüfte überwindet,
die nun beide erst verstehen,
wenn sie ihre Wege gehen.
Die ihm dies im Grund verdanken,
schätzen ihn nun ohne Schranken,
werden stetig an ihn denken
und den Blick zum Himmel lenken.
Am 28. Oktober regnet es. Und Klaus Huber findet darin genau das, was er immer findet: einen Sinn. Regentage sind zum „Aufschaffen" da – ein wunderbar badisches Wort für das Erledigen liegengebliebener Dinge:
Wert des Regens
Wichtig sind auch ohne Frage
mitunter auch Regentage,
einerseits für die Natur,
jedoch auch für die Zensur
in unserem aktiven Treiben,
um Dinge, die noch liegen bleiben,
nun in Ruhe „aufzuschaffen"
und sich hierfür aufzuraffen.
Was danach endlich getan,
schauen wir – zufrieden – an.
Am 31. Oktober, während andere sich Kürbismasken aufsetzen, schreibt Klaus Huber zwei Gedichte. Das erste über die Kunst, andere nicht von oben herab zu belehren – sondern durch Vorbild zu überzeugen:
Vorsichtsmaßnahme
Wichtig ist bei allem Treiben,
dass wir unanfechtbar bleiben,
andere auch tolerieren,
wenn sie zum Umdenken führen.
Statt von oben zu belehren,
überzeugt mehr zum Umkehren,
beispielhaft voran zu gehen,
damit sie hierdurch auch sehen,
welche Gründe uns bewegen,
sie zur Wende anzuregen.
Das zweite schreibt er kurz vor Mitternacht – am Vorabend von Allerheiligen. Ein Nachruf, der keiner bestimmten Person gilt und doch allen Eltern, die zu früh gegangen sind. Was sie hinterlassen, sind nicht Dinge – es sind Maximen. Werte, die weiterleben, weil wir sie weiterleben:
Nachruf
Wenn manche Eltern – teils früh – sterben,
was wir im Leben bislang erben,
ist das, was sie uns mitgegeben
als die Maximen in dem Leben.
Was sie im Leben so hoch hielten,
gilt weiter uns, um nachzubilden
die Werte, die sie hochgehalten,
um unser Leben zu gestalten
so, dass es andern weiter nützt
und sie in ihrem Leben stützt.
Sieben Gedichte, zehn Tage. Von der Wachsamkeit über den Rückzug in die Stube, durch die dunkelste Nacht hindurch bis zur Altersweisheit, dem Wert des Regens und dem stillen Gedenken an Allerheiligen. Klaus Huber schreibt weiter – gegen die Panik, für die Zuversicht. Und immer mit dem Blick auf das, was die Welt am Leben hält.
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